Editorial

Was ich mit meinem Buch bezwecke – Teil 3

Nachdem es im letzten Editorial um die Fehler so genannter Selbstverteidigungsmethoden ging, will ich das neue Jahr mit einer guten Nachricht beginnen: Es gibt eine Lösung für eine sinnvolle Selbstverteidigung, die unsere Chancen – auch in Anbetracht der heutigen Gefahrensituationen – deutlich steigert. Dazu ein weiterer Auszug aus meinem im Frühjahr erscheinenden Buch ‚Widerstand zwecklos!‘.

Was Sinn macht und unsere Chancen erhöht

Unspezifisches Training allgemeiner Grundfähigkeiten wie Aufmerksamkeit, Beweglichkeit, Gleichgewicht, Körpereinheit, Sinnliche Wahrnehmung (insbesondere Tastsinn), Timing und Abstandsgefühl und ganz besonders die Entwicklung des Kampfgeistes und die Gewöhnung an Adrenalineffekte hat dagegen eine große Bedeutung für die Entwicklung der Selbstverteidigungsfähigkeit.
Sind für die Erreichung dieses Ziels alle Trainingsmittel sinnvoll? Dazu im Folgenden noch einige Anmerkungen:

Sparringstraining – eine Lösung?

Sparringstraining löst das Problem des Ritualkampfes nicht wirklich. Sparringstraining – zumindest wenn es unter Vollkontakt geschieht – wäre sicherlich besser, aber auch dieses trägt dem tatsächlichen Ablauf eines Ritualkampfes in keiner Weise Rechnung, denn alles geschieht innerhalb der ersten Sekunde und ein echter Schlagabtausch ist so gut wie nie zu beobachten. Außerdem ist Sparringstraining nahezu kontraproduktiv, was die Entwicklung von Körpereinheit und Timing betrifft.

Bodenkampf kommt im Ritualkampf nicht vor

Bodenkampf ist ein Hype, der nicht zu den Ritualen des Ritualkampfes gehört. Selten ist es, dass beide Kontrahenten zu Boden gehen und dort auf Beton, Glasscherben oder Hundekot mit klassischen Ringertechniken weiterkämpfen. Bodenkampftraining ist die Antwort auf eine Frage, die draußen in der realen Welt nicht gestellt wird. Bodenkampftraining ist die Antwort auf eine Frage, die die Gracies in den Ultimate Fighting Championships (ein bestimmte Art, einen Wettkampf auszutragen) stellten. Wichtiger für uns, denen es nicht um sportlichen Wettkampf geht, ist es zu lernen, unser Gleichgewicht zu bewahren, um nicht auf den Boden zu geraten. Ansonsten, falls wir zu Boden gegangen sind, schnellstens wieder auf die Beine zu kommen bzw. auf jeden Fall unseren Kopf und unsere Rippen am Boden gegen Tritte zu schützen. Ich sage das als jemand, dessen erste Kampfsportart Ringen war und der nebenberuflich als Catcher (heute Wrestler genannt) gearbeitet hat.

Paradoxe Gefährlichkeit des Ritualkampfes

Die Gefährlichkeit des Ritualkampfes ist eigentlich ein Paradox, denn er soll ja nachgerade Blutvergießen unter derselben Spezies vermeiden. Die Gefahr entsteht jedoch dadurch, dass viele Menschen mit den ungeschriebenen Ritualen des männlichen Territorialkampfes nicht mehr vertraut sind, und besonders dadurch, dass u.a. durch den Einfluss der Massenmedien eine neu hinzugekommene 5. Phase zu erkennen ist, die den Ritualkampf zu oft tödlich enden lässt: Fußtritte zum Kopf des Gefallenen.

Entartung des Ritualkampfes beider Seiten

Die Entartung des Ritualkampfes betrifft Täter wie Opfer:

a) Das Opfer gibt dem Stärkeren, meist dem Besitzer des Territoriums, nicht nach
    und weicht nicht zurück.
b) Der Täter weiß nicht, wann er Schluss machen muss. Es reicht ihm nicht mehr,
    den Eindringling in eine unterwürfige Haltung zu bringen oder aus seinem Revier
    zu verjagen. Er setzt ihm nach und hört nicht einmal dann auf, wenn der andere
    am Boden liegt. Stattdessen versetzt er ihm auch noch Fußtritte zum Kopf bzw.
    zu den Rippen, wenn der Am-Boden-Liegende seine Arme hoch nimmt, um seinen
    Kopf zu schützen.

Wie unser WT mit dem Ritualkampf zusammengeht, werden wir im nächsten Monat unter die Lupe nehmen.

Ein erfolgreiches neues Jahr wünscht allen
Euer SiFu/SiGung
Keith R. Kernspecht