Editorial

Die Formen liefern nicht die Buchstaben und Chi-Sao nicht nur den Leim

Am Ende von Lehrgängen stelle ich mich meistens noch eine Viertelstunde den Fragen der Teilnehmer. Und oft lernen nicht nur die versammelten Schüler und Lehrer von meinen Antworten, sondern ich selbst auch: Denn woher soll ich wissen, was ich denke, bevor ich es gesagt habe.

Kürzlich auf einem Lehrgang im Ruhrgebiet kam die beste Frage ganz am Schluss, als das öffentliche Frage- und Antwortspiel schon beendet war und ich gerade gehen wollte.
Ich hatte einem 3. Lehrergrad zwei kurze Messer in die Hand gedrückt und zeigte spielerisch, wie man seine Chancen zu überleben nutzen kann, indem man auf Erfahrung gegründete Antizipation und richtiges Fühlen benutzt.

Ein Ausbilder sah mir eine Weile zu und fragte dann: „Und wozu brauchen wir da eigentlich noch die Solo- und Partnerformen?“
Erst verstand ich die Frage nicht, denn woher sollte ich sonst meine WT-Struktur haben?
„Na ja,“ sagte er, „diese Bewegung, die du da eben gemacht hast, ist die denn in irgendeiner Form enthalten?“
Mit diesen Worten demonstrierte er die Bewegung, wie er sie gesehen hatte.
Genau so, wie ich sie gemacht hatte, war sie tatsächlich nicht in einer Form enthalten, aber so ähnlich schon.
Der Fragende war WT-Lehrer. Deshalb musste er doch wissen, dass es im WT eigentlich keine „festen Techniken“ gibt, zumindest nicht für sehr Fortgeschrittene. Alles ergibt sich im Augenblick aufgrund der Interaktion der beiden Kämpfer. Eine feste Technik „machen“ zu wollen, macht uns starr und zum Stümper. Wer sich auf einen vorher gemachten Plan versteift, wird steif! Wer sich vornimmt, schnell einzuschlafen, liegt morgens noch wach im Bett. Nicht umsonst ist im WT „wu wei“ 
das absichtslose Tun – Trumpf!

Unser Fragesteller war aber nicht nur fortgeschritten, sondern auch sehr intelligent, was seine folgende Frage zeigte: „Ja, ich verstehe das wohl, aber ich ging immer davon aus, dass die Formen die Buchstaben liefern, und dann müssten ja alle WT-Bewegungen in den Formen vorkommen.“
Nun fiel es mir wie Schuppen von den Augen und ich fühlte mich mitverantwortlich für dieses starre WT-Modell, das daraus entstanden sein mag, denn dann dürften wir wirklich keine Bewegung machen, die nicht in den Formen enthalten ist!

Schnell korrigierte ich ihn und vielleicht auch manch alte unreflektiert nachgeplapperte Aussage von mir selbst: „Die Formen liefern nicht die Buchstaben. Sie sind nicht das kleinste Aufbau-Element des WT.“
Die erste Form, bei der sich nur die Arme bewegen dürfen, entspricht einem Wörterbuch.
Die zweite Form und die dritte Form liefern sehr kurze Sätze („Ach so!“, „Mahlzeit!“, „Hilfe!“); die Holzpuppenform etwas längere Sätze („Wo ist das Bad?“).
Die Partnerformen (mit Kontakt) schenken uns schöne Beispielsätze wie: 
„Wer hat mein grünes Buch gesehen?“, „Der Bäckerladen wird morgen ab 9 Uhr geöffnet haben.“

Natürlich hinkt der Vergleich wie alle; denn erstens ist WingTsun keine Sprache und zweitens sind Bewegungen weder Buchstaben, noch Wörter.
Selbst Jesus sprach nur den Laien gegenüber in Gleichnissen, mit seinen Jüngern, den Eingeweihten, sprach er Tacheles, Klartext.

Falsche Analogien können wie eine „self-fulfilling prophecy“ zur Dummheit führen. Vor nicht zu langer Zeit, als die Hirnforschung noch nicht das liebste Kind der Wissenschaft war und noch wenig vom Gehirn wusste, verglich man dieses mit einem Gefäß. Wenn der Container voll von Informationen war, glaubte man, neues Wissen nur in den Kopf hereinzubekommen, wenn man altes vergaß, also löschte.
Ein falscher Vergleich kann also beschränkt machen!
Erst mit der Vorstellung, dass das Gehirn ein Muskel sei, der trainierbar ist, konnte die Zuversicht entstehen, dass vorhandenes Wissen wie ein Netz ist, das weitere Informationen auffangen kann und immer feinmaschiger und im Sinne des WingTsun mehr „containable“ wird. 
Heute ist vernetztes Denken ein landläufiger Begriff, der uns Mut macht, uns unseres Verstandes zu bedienen und damit das Gebot der Aufklärung (sapere aude) zu beherzigen.
Wer die Siu-Nim-Tau-Form mit Buchstaben gleichsetzt, beschränkt sich und macht sich zum ewigen Erstklässler, der noch als Greis das genormte Alphabet, das seine erste Lehrerin mit korrekten Schleifen an die Tafel schrieb, buchstabengetreu nachschreibt.
Erst die Vorstellung, dass die Bewegungen in der Form nicht die Grundelemente des WingTsun sind, sondern schon Vorgeformtes und Zusammengesetztes, befreit uns und macht uns mündig.
Aber nehmt nicht mein Wort dafür! Wie oft habt Ihr von chinesischen Meistern vorgebetet bekommen und gelesen, dass die sog. „Prinzipien“ 
im WT - wie übrigens in allen inneren Systemen - das Sagen haben. Und wo sie recht haben, haben sie recht, unsere Altvorderen!
Führt Euch immer wieder vor Augen, dass die Stärke des WT darin besteht, eben kein technikorientierter Stil zu sein, sondern ein konzeptionsorientiertes System.

Bei dieser Gelegenheit möchte ich auch mit einer weiteren irreführenden Vorstellung aufräumen, die ich selbst jahrelang - ohne mir der weichenstellenden Konsequenzen bewusst zu sein - nachgebetet
habe:
Wenn wir Chi-Sao lediglich als verbindenden Leim betrachten, der die festen Techniken (die wir im WT sowieso zum Glück nicht haben) verbindet, oder als bloß ordnende Grammatik, um wieder auf den Vergleich WingTsun = Sprache zurückzukommen, dann zementieren wir unsere Beschränktheit in alle Ewigkeit, denn wir untersagen es unserem Fühlen nachgerade zu tun, was seine ureigene Aufgabe im WT ist: im Augenblick der Interaktion mit dem Gegner angepasste (also passende!)Bewegungen zu generieren. Dann haben wir uns selbst dazu verurteilt, ewige Stümper zu bleiben, die versuchen, eine vorher festgelegte Antwort auf Krampf anzubringen, wo sie nicht wirklich passt. Wenn unser Gegenüber uns fragt: „Wie spät ist es?“ wird die mit noch so viel Fleiß auswendig gelernte Antwort „Der Bäckerladen wird morgen ab 9 Uhr geöffnet haben.“ nicht wirklich passen.
Gebt Euch selbst die Freiheit zurück:
Stellt Euch vor, Euer Hirn sei ein unbeschränkt großes Netz, das umso mehr aufnehmen kann, je mehr schon enthalten ist und je engmaschiger es dadurch wird.
Räumt der Anpassungsfähigkeit des WingTsun, die von „echtem“ Fühlen kommt, das Primat ein!
Nicht ohne Grund beschäftigen sich Fortgeschrittene den größten Teil ihrer Unterrichtszeit mit Chi-Sao-Übungen! Auf der sicheren Grundlage des Chi-Sao, das uns, neudeutsch gesagt, „untreffbar“ machen soll, beginnen wir dann mit „Lat-Sao“, das unsere Gegenangriffe für den Gegner „unvermeidbar“ macht.

Wäre es wirklich so, dass wir sklavenhaft an die beschränkenden Formenbewegungen gebunden wären, wären wir arm dran und ich hätte schon vor 30 Jahren mit dem WT aufgehört. Aber zum Glück gibt es Chi-Sao, das nicht nur der verbindende Leim und die Grammatik ist, sondern auch nie vorher Dagewesenes wie von selbst entstehen lässt.

Vielleicht wäre es ein guter Eingangstest für die Realitätstauglichkeit einer WT-Schule, wenn der Neuinteressent den amtierenden Lehrer fragen würde:
„Liefern die Formen hier eigentlich die Buchstaben oder die Wörter??
Bekommt man zur Antwort „die Buchstaben“, schnellstens die Flucht zu ergreifen, rät

Euer Sifu Kernspecht

PS: Gute Ratschläge geben ist leicht. Sie selbst zu befolgen, schwer: 
Gestern gegen halb zwei nachts ging ich zu Bett mit der festen Absicht schnell einzuschlafen, weil ich früh am Morgen die Rückreise nach Kiel antreten wollte.
Natürlich fand ich keinen Schlaf, dafür entstand aber dieses Editorial, denn zum Glück fiel mir das beste Rezept gegen Schlafstörungen nicht ein. Ich hätte mir fest vornehmen müssen, wach bleiben zu wollen!