Editorial

Die 3. Form – Erste-Hilfe-Kit oder höhere Dimension des WT?

Welchen Sturm im Wasserglas gab es vor fast 30 Jahren, als ich in einem meiner beiden ersten Bücher verkündete, was ich damals empfand, dass nämlich die 3. Form, die Biu-Djie, für mich die Anmutung eines „tödlichen Hauches“ habe.

Wie wurde ich von den diversen chinesischen wing-chun-Schulen bzw. von deren entstehenden Ablegern – allesamt meine Ex-Schüler natürlich – als Nichtswissender beschimpft, als ich in ihr eine neue Dimension des wing chun glaubte entdeckt zu haben und meine Ansicht äußerte, dass die Biu-Djie-Konzeption der Grundidee der vorhergehenden beiden Formen überlegen ist, ja sie nachgerade außer Kraft setzt.

Ganz falsch, hieß es hohnlachend, die Lehrsätze des jeweiligen neuen chinesischen Sifus im Brustton der Überzeugung nachplappernd: Die 3. Form sei keinesfalls das, was der Kernspecht behauptet. Es sei nicht so, dass man mit den Prinzipien der 3. Form die 2. schlägt. Tatsächlich sei die 3. Form eher so etwas wie ein „Erste-Hilfe-Kit“: Es passiert im Kampf etwas, das nicht passieren sollte, the shit hits the fan, der Gegner auf der Straße verhält sich nicht so, wie es die Regeln der Siu-Nim-Tau und der Cham-Kiu voraussetzen. Und dann rettet sich der wing-chun-Mann, indem er ebenfalls die Regeln bricht. Danach müsse er aber schnell wieder zum einzig korrekten und stets gültigen Konzept der ersten beiden Formen zurückkehren. Dafür gäbe es in der Biu-Djie auch immer wieder die verschiedensten Techniken, die es erlauben, sich von den unmöglichsten Positionen der Arme wieder zurück in den sicheren Hafen des „unbeweglichen Ellbogens“ und zur sog. Zentrallinie zu retten.
Nun hält sich der Angreifer auf der Straße leider nie an irgendwelche chinesischen Mottos, schon weil er sie gar nicht kennt. Murphys Gesetz ist in der Arena der Straße die Regel: Das Schlimmste und Unerwartetste, was geschehen kann, das Undenkbare also, wird eintreten. Wer erwartet, dass der Gegner mit vertikaler Faust und tiefem Ellbogen und in gerader Linie angreift, wird sich schnell auf dem Boden der Wirklichkeit wiederfinden.
„Wenn einer meiner Schüler, der die 1. und 2. Form beherrscht, gegen einen Kämpfer eines anderen Stiles verliert, springe ich vom x-ten Stock meines Hauses.“ Gnade dem, der auf diesem Versprechen, das den gelben „Unverwundbarkeitszettelchen“ im Boxeraufstand verdächtig ähnelt, sein Überlegenheitsgefühl gründet. Oft wird dieser – hoffentlich irrtümlich – Großmeister Yip Man zugeschriebene Spruch mit dem sich selbst beweihräuchernden Nachsatz zitiert: „Und der Großmeister brauchte nie zu springen.“
Aufgrund der Erzählungen meines Lehrers und nach den Berichten der in sog. „Beimo“-Kämpfen den Ruf des wing chuns in Hongkong gegen de facto noch traditionellere Stile begründenden Original-Schüler des letzten verstorbenen Großmeisters des Gesamtstiles gehe ich davon aus, dass Yip Man mitnichten so wirklichkeitsfremd war zu glauben, dass das auch noch so fleißige Üben einer festgelegten Bewegungsfolge auf magische Weise unbesiegbar macht.
Dafür und für ihn spricht, dass er nach jedem Kampf, den seine Schüler für ihr Ego und für seinen Stil gegen andere Kung-Fu-Schulen ausfochten, Manöverkritik abhielt und sogar die für viele so heilige und unantastbare Form änderte.
Auf diese Weise soll z.B. der Gan- bzw. Gwat-Sao in den 6. Satz der 1. Form gelangt sein. Klar, taucht der Gegner so tief hinunter, dass sein Fauststoß unterhalb unseres Ellbogens erfolgt, dann braucht man „so etwas wie Gan-Sao“, wenn man nicht gerade auf Unterleibsschläge steht. Dass mein Lehrer stattdessen „Gwat-Sao“ an dieser Stelle – aber zu einem ganz anderen Zweck – bevorzugt, ist sein gutes Recht und seine persönliche Auslegung, weil er selbst Großmeister ist und dafür seine guten Gründe hat.
Als ich erfuhr, dass Yip Man seine Schüler im Unterricht mit schwingrigen Choy-Lee-Fat-Angriffen mit horizontal gehaltener Faust testete, hatte ich keinen Zweifel mehr, dass der schlaue Großmeister Yip seine Schüler schon auf die (damalige) Wirklichkeit auf den Straßen Hongkongs vorbereitete. Unter seiner Ägide machte man wohl noch wing chun, um sich zu verteidigen. Heute macht man wing chun oft nur noch, um wing chun zu machen. Heute erklären manche seiner Schüler die Ausnahme blauäugig zur Regel und die Regel zur Ausnahme.
Der Schüler, der den Lehrer trifft, wird vom Lehrer getadelt: „Du musst den Ellbogen beim Fauststoß tief lassen.“ Der Treffer des Schülers beweist, dass der Schüler einen schweren Fehler beging, denn wie hätte er sonst treffen können?

Für solche und andere Ausnahmen der wing-chun-Regel sei das Biu-Djie-Konzept also erschaffen, sagen die Verfechter der Theorie von der 3. Form als Notfall-Regelbruch und Survival-Paket. Als ob nicht jeder Angriff auf der Straße ein Notfall sei, bei dem es grundsätzlich um Leben und Tod geht. Wer in Biu-Djie-Techniken seine Zuflucht fand, der wird dafür auch gleich wieder getadelt, denn die Benutzung von Techniken der 3. Form sei ja – dieser hausgemachten Logik folgend – ein klarer Beweis dafür, dass der Betreffende vorher etwas falsch gemacht hat.
Und vorsichtshalber sprechen sie der Biu-Djie auch das Prädikat einer weiterreichenden Konzeption ab, damit einer, der nicht nur ein Verstand-Besitzer, sondern ein Verstand-Benutzer ist, gar nicht erst auf die Idee kommt, dass Biu-Djie mehr sein könnte als ein Sammelsurium zusammengestoppelter Schadensbegrenzungsmaßnahmen.
Woher rührt dieser psychopathische Hass auf das schwarze Schaf der wing-chun-Theorie? Nun eben daher, dass es nicht weiß ist! Es passt nicht zur Theorie der anderen Formen, dass man die Arme des Gegners greift, sogar zwei eigene Arme einsetzt, um nur einen des Gegners zu greifen, dass man so dicht herangeht, sich vorbeugt und zurücklegt, die Arme kreuzt usw. usw.

Die Biu-Djie ist der Leibhaftige, lehrt sie uns vielleicht sogar, dass auch die sog. WingTsun-Prinzipien nur vorläufige Einschränkungen sind, die dazu geschaffen sind, um sie – ganz am Ende der Ausbildung – zu brechen. Ich gebe zu bedenken, dass das Aufstellen von definierten Prinzipien der klassischen Auffassung vom Tao konträr geht und dass der weise Stratege von keiner Idee, nicht einmal von einer kleinen, ausgeht; denn indem man auch mögliche, gleichberechtigte Optionen von vornherein aus dem Spiel nimmt – nichts anderes ist nämlich die Konsequenz vom Aufstellen von Prinzipien – geht und ging dem WT tatsächlich durch die weichenstellende Vorentscheidung viel Wertvolles und Überlebensnotwendiges verloren, was sich am Ende nur mit Mühe bergen und zurückgewinnen lässt. Und auch dies nur dann, wenn man noch einmal ganz von vorne beginnt wie ein unbeschriebenes Blatt und sich anschickt, das Rad des WT noch einmal neu zu erfinden. Dann äfft man nicht mehr nur das unkritisch nach, was unsere Vorväter taten. Dann findet man, was sie suchten und nicht finden konnten, weil sie es ganz am Anfang verschmähend zur Seite geschoben hatten, um einem anderen scheinbar übergeordneten Gedanken den Vorrang und damit die Exklusivität zu geben.

Die Biu-Djie war diese letzte Chance, das Übersehene am Ende wieder hinzuzufügen, die selbstmörderische Sklaverei des verriegelten Beckens und die limitierende Unbeweglichkeit des Ellbogens und der Schulter aufzulösen. Biu-Djie sollte die letzte große Chance sein, WT wieder zurückzugeben, was ihm das aus didaktischen Gründen notwendige einseitige Bevorzugen aus dem Blickfeld genommen hatte. Dazu zähle ich nicht nur die neue Beweglichkeit, die neue Horizonte an Möglichkeiten eröffnet. Dazu gehört auch, die Freiheit, nicht-lineare Bewegungen machen zu dürfen und das Benutzungsrecht der Augen zum Erkennen von Angriffen.

Die Biu-Djie ist zwar nicht das Anti-WingTsun, aber sie stellt das orthodoxe, d.h. das lineare, WT vor – mit linearen Mitteln – kaum lösbare Probleme.
Nicht-lineare Systeme – und alle, die in der Natur vorkommen, sind eben nicht linear – sind dem sog. Zufall unterworfen und dadurch nicht vorhersehbar und einer Planung nicht zugänglich.
Darum sollte die Biu-Djie nie den innersten Kreis der treuesten und engsten Schüler verlassen (Biu-Djie never goes out of the door). Nur ganz wenige Fortgeschrittene lernten damals diese Form, die wirklich geheim war. Aber sie war nicht geheim, weil sie so gefährlich für den Gegner ist. Sie war auch nicht geheim, weil man sich als Gegner eines wing-chun-Mannes auf dessen Techniken einstellen könnte, wenn sie bekannt wäre.

Sie war geheim aus zwei anderen Gründen:

  1. weil einige Biu-Djie-Angriffe manche nicht so erfahrene Ausbilder in ernsthafte Gefahr bringen; denn selbst wenn der Schüler die Technik, z.B. Fak-Sao, nur sehr fehlerhaft, aber nichtsdestotrotz schnell und kräftig aus dem Chi-Sao durchführt, könnte der Ausbilder sich u.U. nur dadurch schützen, dass er den Angreifer – ohne es zu wollen – verletzt.
  2. weil es nach aller Erfahrung nötig ist, dass ein Schüler, der WingTsun gründlich erlernen will, ein sicheres Fundament hat und zwingend zuerst die Siu-Nim-Tau- und die Cham-Kiu-Form abschließen muss, bevor er auch nur daran denkt, mit etwas Neuem anzufangen.

Etwas ganz Neues? Ja, ich meine das allen Ernstes. Biu-Djie ist nicht etwas anders, es ist etwas Anderes! Es ist die Idee der WT-Messer – umgesetzt auf beide Arme. Der ganze Arm, von den Fingerspitzen bis zu den Ellbogen wird zur Waffe. Oft genug wird mir die Schulter zur Hand. Diese unsichtbaren und fürchterlichen Waffen, die weil sie nicht-linear sind, kein Anfang und kein Ende haben und sich mit allem verbinden, können stechen, aber vor allem schlagen, hacken, schneiden. Sie kommen nicht direkt, sondern oft auf dem überlegenen Umweg, der manchmal schneller ist als der direkte Zugang, der niemand mehr überrascht. Escrima-Großmeister Bill Newman, der mir kürzlich in Livorno bei der Arbeit zusah, erkannte manches Gesehene als Säbeltechnik.
Biu-Djie verkörpert auch die Idee des Angreifens, aber in der Weise, dass ich dem anderen scheinbar den Vortritt lasse, in der Reaktion schneller bin als seine Aktion, dass ich im letzten Augenblick in den Angriff des Gegners hinein angreife, gewissermaßen den Angreifer angreife, dass die Hand, die abwehrt, zur Hand wird, die vorher da ist und angreift.
Biu-Djie bietet durch Zirkularität eine weitere (nicht nur ergänzende, sondern höhere) Dimension oder mit Sun Tsu: „… (der weise Stratege) wechselt ständig seinen Ort und nutzt eine kurvige Bahn, so dass er für andere ein Rätsel bleibt.“

Ihr glaubt, meiner Begeisterung zu entnehmen, dass ich in Biu-Djie verliebt bin?
Ja! Und weil es gegen die traditionelle, gegen die allgemein verbreitete Auffassung ist, ist wohl kaum einer vor mir mit solcher Faszination oder gar Obsession an die Aufgabe herangegangen, für die ich jetzt seit Jahren lebe: nämlich wissenschaftlich experimentell auszuloten, was alles hinter dieser geheimnisvollsten aller Formen steckt und wie weit sie eine komplette, eigenständige und überlegene Konzeption darstellt.